Verfasst von: Christian Reinboth | Oktober 15, 2007

Al Gore, Klimaschutz und Weltfriede

 Al Gore

Angesichts der Bekanntgabe der Auszeichnung des ehemaligen US-Vizepräsidenten und Klimaschutz-Aktivisten Al Gore mit dem Friedensnobelpreis am vergangenen Freitag, waren sehr viel wohlverdiente Glückwünsche, aber auch einige kritische Stimmen zu vernehmen. Abgesehen von der Minderheit, die aus Prinzip ohnehin alles ablehnt, was die „Öko-Fuzzis“ für richtig und wichtig halten, ließ sich die meiste Kritik auf die Kernfrage reduzieren, wieso ausgerechnet ein Politiker, der sich seit Jahrzehnten für Klimaschutz und Erneuerbare Energien einsetzt, mit diesem hohen Friedenspreis gewürdigt wird – ein Umweltpreis wäre ja sicher in Ordnung gewesen (der existiert in der Reihe der Nobelpreise übrigens nicht), aber der Friedensnobelpreis ist nun mal den Friedensstiftern dieser Welt vorbehalten. Und so wichtig Umweltschutz auch sein mag, zum Frieden auf der Welt tragen energiesparende Autos und effizientere Windräder doch wenig bei…

Analysiert man die aktuelle geopolitische Situation genauer, so wird klar, dass die Kontrolle über die ständig knapper werdenden fossilen Ressourcen ein wesentlicher Katalysator für Konflikte und allgemeine Unruhe darstellt. Die Abhängigkeit des Westens von Erdgaslieferungen aus dem russischen Raum (die wegen Konflikten mit Weißrussland schon mal ausfallen, wie letztes Jahr erlebt), sowie von Erdöllieferungen aus dem Nahen Osten hat während der letzten Jahrzehnte schon zu einigen Krisen geführt, zudem kann zumindest ich mich des Gefühls auch nicht erwehren, dass sich etliche undemokratische Regime des Nahen Ostens das Wegsehen des Westens durch die Lieferung von Erdöl erkaufen – ein Deal, den wir bei unserer momentanen wirtschaftlichen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern leider kaum ausschlagen können.

Es mehren sich zudem die Anzeichen dafür, dass die Zeiten des vergleichsweise günstigen Öls sich langsam aber sicher dem Ende nähern: Der „peak oil“, der Hochpunkt des Abbaus zu wirtschaftlichen Konditionen förderbaren Öls, könnte in einigen Ländern des Nahen Ostens bereits überschritten sein oder bald überschritten werden, und auch die verfügbaren Vorräte von für die Nukleartechnologie verwendbaren Urans dürften kaum mehr als 40 Jahre ausreichen.

Er wird also kommen, der Moment, an dem die Ressourcen deutlich knapper werden und die Preise entsprechend nach oben klettern – und wie wird sich die geopolitische Lage dann verändern? Viele Analytiker sehen in 20 bis 30 Jahren die ersten „Ressourcenkriege“ auf die Menschheit zukommen – Kriege, bei denen es weniger um die Inbesitznahme von Land oder natürliche Ressourcen, sondern die Kontrolle der letzten verbleibenden fossilen Rohstoffe gehen wird.

Sollte es der Gesellschaft zuvor gelingen, die erneuerbaren Energien zum Hauptversorger mit nutzbarer Wärme und elektrischer Energie auszubauen, bzw. den Energiebedarf entsprechend zu verringern, werden die Folgen der Verknappung ausgebremst oder sogar ganz verhindert. Zudem stehen die erneuerbaren Energien jedem Menschen zur freien Verfügung – die Sonne lässt sich nicht privatisieren, wie ja erst jüngst ein anderer Nobelpreisträger zur Potsdamer Klimakonferenz verlauten liess. Die breitere und bessere Versorgung auch wirtschaftlich unterentwickelter Staaten mit Wärme und Energie – nach Lebensmitteln wohl die wichtigsten Konsumbedarfe – kann helfen, Armut abzubauen und damit Konflikte zu vermeiden.

Und der Klimawandel, das Hauptthema des Ex-Vizepräsidenten? Die eindeutigen wissenschaftlichen Beweise für die ganz große Katastrophe stehen zwar noch aus, die Indikatoren und Erklärungsmodelle sprechen jedoch bereits eine eindeutige Sprache: Der Mensch beeinflusst durch seinen Konsum fossiler Rohstoffe das Klima des Planeten deutlich mit, die Frage ist nur in welchem Zeitrahmen dadurch Umwälzungen welchen Ausmaßes verursacht werden – und ob der Meeresspiegel nun einen oder fünf Meter ansteigt ist durchaus kein trivialer Unterschied. Doch selbst Auswirkungen auf niedrigem Niveau werden schlimme Konsequenzen nach sich ziehen: Versorgungsenpässe, Flüchtlingsströme oder Kampf um Wasser und gutes Ackerland.

Den Frieden heute zu wahren ist eine ehrenvolle Aufgabe – ebenso wie den Frieden für zukünftige Generationen erst zu ermöglichen, indem man für sichere Lebensgrundlagen und gerecht verteilte Energie Sorge trägt. Sicher ist Al Gore dies noch nicht gelungen – kein einzelner Mensch und keine Organisation wird sich diesen Verdienst jemals alleine zurechnen können – aber er hat eine, wenn nicht sogar die wichtigste Vorbedingung geschaffen: Al Gore hat durch seine permanente (und bisweilen recht penetrante) Öffentlichkeitsmachung des Themas über Bücher, Vorträge, Interviews, Wahlkämpfe und zuletzt seinen erfolgreichen Kinofilm „Eine unbequeme Wahrheit“ viele Menschen auf die aktuellen und zukünftigen Probleme aufmerksam gemacht. Ohne öffentliche Diskussionen, ohne den Druck der Wähler, ohne politischen Willen aber kann die vor uns liegende Aufgabe unmöglich bewältigt werden.

Daher ist die Auszeichnung von Al Gore eine gute, sogar eine hervorragende Wahl gewesen. Al Gore hat es geschafft, dass Umweltschutz und Energieproblematik nicht nur Thema im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf im nächsten Jahr sein werden, sondern auch überall auf der Welt stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt sind. Nur durch diesen Schritt ist auch eine Lösung greifbar, wenn auch nicht einfach geworden. Ich zumindest bin Gore für sein bisheriges Lebenswerk aufrichtig dankbar und hoffe inständig, dass er die durch den Nobelpreis vergrößerte Plattform nutzen kann, um noch mehr Menschen wachzurütteln. Wer übrigens der Meinung ist, dass der Film – sicher sein bekanntester öffentlicher Auftritt – ein wenig zu reißerisch ausgefallen ist, dem sei das erste Umweltbuch des damaligen Senators „Wege zum Gleichgewicht – ein Marshallplan für die Erde“ aus den 90ern ans Herz gelegt, in dem viele der heutigen Probleme, wie beispielsweise die zunehmende Versteppung, nüchtern und sachlich dargelegt werden.

Alles in allem ein guter Tag und eine schöne Auszeichnung für den Umweltschutz – nun kann man nur hoffen, dass sich dieser Erfolg in die wichtigste Ressource umwandeln lässt, die für eine nachhaltige Energiepolitik benötigt wird – in öffentliche Diskussionen.

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Responses

  1. Stimme vollkommen überein, dass das eine gute Wahl ist.
    Dennoch finde ich, dass die Begründung der Jury als „Friedensnobbelpreis“ etwas dünn ist.
    Nichtsdestotrotz ist es IMHO eine gute Entscheidung, weil es auch in den USA das „Klima“ für den Klimaschutz verbessert. Und ohne USA sind meines Erachtens die weltweiten Bemühungen zur Treibhausgasreduktion eher zum Scheitern verurteilt.
    siehe auch: http://www.heissezeiten.com/2007/10/friedensnobelpreis-fr-al-gore.html


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