Verfasst von: Christian Reinboth | November 20, 2007

Positive und negative Incentivierung

Der EnergyNet-Blog macht in einem aktuellen Post auf juristische Neuigkeiten aus Baden-Württemberg aufmerksam: Das sich momentan in der Diskussion befindliche neue Wärmegesetz soll die stärkere Verbreitung erneuerbarer Energietechnik beflügeln – allerdings nicht durch positive Marktanreize sondern durch klare Vorschriften.

Während das Erneuerbare-Energien-Gesetz der Bundesregierung versucht, die Investoren in regenerative Energieanlagen über hohe Abnahmepreise für den eingespeisten Strom zu belohnen, geht das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) der Bundesregierung im Entwurf in die entgegengesetzte Richtung – Gebäudeeigentümer sollen verpflichtet werden, entweder einen Teil des Wärmeenergiebedarfs über erneuerbare Energien zu decken, oder aber sich durch Maßnahmen zur Energieeinsparung von dieser Verpflichtung „freizukaufen“. Kommen Eigentümer diesen Verpflichtungen nicht nach, drohen ihnen laut des aktuellen Entwurfs recht hohe Geldbußen – was einer zwangsweisen Durchsetzung erneuerbarer Energieanlagen im Beheizungsbereich schon recht nahekäme.

Bei EnergyNet wird die EE-Community zur Diskussion über diesen Gesetzesentwurf aufgerufen (allerdings über den des Landes Baden-Württemberg, nicht über den des Bundes aus dem nachfolgend zitiert wird) – und dies zu Recht, denn der Grundansatz, da kann ich Andy Kühl nur zustimmen, scheint mir diskussionsbedürftig zu sein. Der ungeschärfte Blick des Nicht-Juristen in den Gesetzesentwurf offenbart beispielsweise die folgenden Passagen:

§4 Nutzungspflicht

(1) Eigentümer von Gebäuden müssen den Wärmeenergiebedarf anteilig mit Erneuerbaren Energien decken. Diese Pflicht kann durch die Nutzung von Biomasse, Geothermie, solarer Strahlungsenergie und Umweltwärme nach Maßgabe der Absätze 2 bis 4 in Verbindung mit der Anlage zu diesem Gesetz erfüllt werden.

oder

§11 Bußgeldvorschriften

(1) Ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder grob fahrlässig entgegen § 4 Abs. 1 Satz 1 den Wärmeenergiebedarf nicht, nicht richtig oder nicht rechtzeitig mit Erneuerbaren Energien deckt.

(2) Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro geahndet werden.

Im Rahmen meiner nebenberuflichen Beratertätigkeit in der Markt- und Meinungsforschung werde ich häufig mit der Frage konfrontiert, wie man potenzielle Teilnehmer einer Befragung (auch Probanden genannt) zur Teilnahme motivieren und während der Beantwortung der Fragen „bei der Stange halten“ kann. Wenn keine intrinsische Motivation (eine Motivation aus eigenem Antrieb) zu vermuten ist – und bei den meisten Befragungen ist dies nicht der Fall – arbeitet man meistens mit kleineren „Belohnungen“, den sogenannten Incentives, wie beispielsweise Gutscheinen für Online-Shops oder anderen Boni. Solche positiven Incentives führen in fast allen Fällen zu einer erhöhten Teilnahmemotivation, wobei man durchaus auch hier Fehler machen kann, indem man beispielsweise ein Incentive wählt, welches bestimmte Gruppen von Probanden mehr anspricht als andere – aber diese Diskussion ist eher ein Thema für meinen Statistik-Blog… Am besten geeignet ist meist das neutralste aller möglichen positiven Incentives – das liebe Geld, von dem sich jeder Teilnehmer eine seinem Geschmack entsprechende „kleine Belohnung“ zukommen lassen kann.

Das Gegenteil des positiven Incentive ist das negative Incentive – die Strafe, die den Befragten ereilt, wenn er sich der Teilnahme verweigert. Eine solche Form der Incentivierung ist in der Realität eher selten – und in der Marktforschung vollkommen unmöglich, da man natürlich nicht mit Zwängen arbeiten kann. Aus anderen Lebensbereichen ist die Methode der negativen Incentivierung allerdings jedem bekannt – denn ohne die gelegentliche schlechte Note und die Möglichkeit des Sitzenbleibens würden sich vermutlich deutlich weniger Schüler zumindest gelegentlich beim Lernen ins Zeug legen.

Welche Form der Incentivierung mag nun wohl die beste sein, wenn es darum geht, möglichst viele Menschen für die Nutzung erneuerbarer Energien zu begeisten? Um diese Frage zu beantworten, müsste man zunächst versuchen, die Grundeinstellung der Bevölkerung gegenüber der EE-Nutzung zu ergründen. Bei einer eher positiven Einstellung hilft meist auch ein positives Incentive – zu sehen an den vielen Bonus-Programmen der Krankenkassen: Im Grunde wissen wir, dass wir mehr für unsere Gesundheit tun sollten, aber mühsam ist es ja doch…. Wenn es aber einen Geldbonus für die Anmeldung zu einem Gymnastik-Kurs gibt, steigen die Chancen für eine Teilnahme gleich erheblich. Im Falle einer negativen Grundeinstellung hilft dagegen meist nur ein negatives Incentive – auch wenn es beim Kauf einer größeren Anzahl Original-CDs jeweils kostenfreie Bonus-CDs geben würde, würden die meisten Tauschbörsen den Betrieb nicht einstellen – erst die negative Incentivierung über Strafandrohungen führt hier zu einer Verhaltensänderung. Diese Problematik eignet sich übrigens gut als Beispiel für eine übertriebene negative Incentivierung, mit der das angestrebte Ziel der Unterbindung des Raubkopiemarktes nicht erreicht und statt dessen Wut und Unverständnis bei den ehrlichen Käufern geschürt wird, die ihre legal erworbene Musik nicht mehr legal auf den eigenen mp3-Player übertragen können…

Ist also ein positives Incentive oder ein negatives Incentive zu bevorzugen, wenn die Motivation für den Einsatz erneuerbarer Energien gesteigert werden soll? Aus Sicht des Markt- und Meinungsforschers sollte wann immer möglich ein positives Incentive verwendet werden, insbesondere da eine negative Incentivierung dazu führen kann, dass das unmittelbare Ziel zwar erreicht, das dahinterliegende Kernziel aber verfehlt wird: Gebäudeeigentümer, die unter Androhung von Zwangsgeldern dazu veranlasst werden, ihre Energieversorgung umzustellen, werden der Aufforderung zwar nachkommen, aber gleichzeitig möglicherweise eine sehr negative Einstellung gegenüber erneuerbaren Energien entwickeln. Dies könnte die „Zielgruppe“ dieses neuen Gesetzes scharenweise in Richtung der Verbände oder politischen Parteien treiben, die das EEWärmeG in dieser oder auch jeder anderen Form ablehnen, womit die Verbreitung erneuerbarer Energien mittel- bis langfristig Schaden nehmen könnte.

Eine positive Incentivierung, beispielsweise ein Nachlass auf die Grundsteuer bei Nachweis einer Versorgung über erneuerbare Energien, sollte dagegen zu ähnlichen Resultaten führen, ohne gleichzeitig die negativen Imageeffekte herbeizuführen. Der einzige Fall, in dem statt einer solchen positiven Incentivierung eine negative Incentivierung zu bevorzugen wäre, ist eine Situation, in der davon ausgegangen werden muss, dass die Motivation der Zielgruppe so niedrig ist, dass diese nur unter Androhung von Zwangsmaßnahmen zur Teilnahme bewegt werden können – ähnlich wie im Fall der Schüler und der Klassenarbeit. Aber ist eine solche Situation im Falle der umweltverträglichen Wärmeversorgung wirklich gegeben?

Die bestmögliche Motivation wird übrigens weder durch positive oder negative Incentives erzeugt, sondern ist intrinsischer Natur: Wenn man einen Großteil der Gebäudeeigentümer davon überzeugen könnte, dass sich durch die energetische Gebäudesanierung oder die Umstellung der Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien nicht nur Einsparungen erzielen ließen, sondern auch ein positiver Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz sowie zur Energieunabhängigkeit geleistet werden kann, könnte eine solche Form der Motivation aufgebaut werden. Derartig intrinsisch motivierte Eigentümer wird es momentan vermutlich nur wenige geben – hier könnte eine gezielte Informationskampagne der Bundesregierung aber Abhilfe schaffen. In Kombination mit klar kommunizierten positiven Incentives für die stärkere Nutzung von erneuerbaren Energiequellen wäre eine solche Kampagne zumindest aus Sicht des Meinungsforschers sicher einer Zwangseinführung mit möglicherweise stark negativem Beigeschmack zu bevorzugen – es sei denn natürlich, die Sachlage würde klar gegen den Erfolg einer solchen Maßnahme sprechen.

Vielleicht hat ja irgend jemand da draußen mehr Informationen über die Gründe, die zu der Entscheidung für die negative Incentivierung geführt haben. Möglicherweise hat ja unter anderem diese Studie zur Entscheidungsfindung beigetragen, wobei hier allerdings keine Vermieter sondern nur Mieter befragt wurden – diese waren allerdings relativ einhellig der Meinung, dass die Vermieter in Klimaschutz und Energieeffizienz investieren sollten, während die Benefits in Form niedrigerer Energiekosten allein den Mietern zukommen dürften…

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Responses

  1. Diese Argumente werden m.E. auch von den Befürwortern des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) gar nicht berücksichtigt.
    Prima Beitrag, ich hoffe wir können diese Diskussion weiter tragen und mehr Akteure mit einbeziehen.

  2. […] Kippt der EEWärmeG-Entwurf? Nacdem bereits in diesem Blog, bei EnergyNet und in vielen andern Blogs und Foren über die recht negative Incentivierung im […]

  3. […] die Gegner der zu harsch geratenen Zwangs- und Strafmaßnahmen – die auch in diesem Blog bereits kritisiert wurden – schlußendlich durchsetzen […]


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