Verfasst von: Christian Reinboth | Dezember 6, 2007

Licht aus fürs Klima – und Licht an fürs Netz

Eine aktuelle Meldung der WELT zur Klimaaktion „Licht aus!“ fiel mir am heutigen Abend noch auf yigg ins Auge: Die Energiebranche befürchtet offensichtlich, dass ein zu großer Erfolg der bundesweiten Aktion – die unter anderem von Greenpeace und dem BUND massiv gepusht wird – einen Kollaps des Stromnetzes herbeiführen könnte.

Wer den medialen Hype um die Klimaaktion verpasst haben sollte: Zum Klimaschutztag am 8. Dezember sollen möglichst viele Bundesbürger dazu bewegt werden, zwischen 20.00 Uhr und 20.05 Uhr alle Lichter in den eigenen vier Wänden auszuschalten und auch sonst alle stromverbrauchenden Geräte abzustellen – und viele Bundeseinrichtungen, Unternehmen und Kirchen haben bereits angekündigt, sich an der Aktion zu beteiligen und die Innenstädte und Einkaufspassagen für 5 Minuten ein wenig dunkler werden zu lassen. Prinzipiell eine gute Idee – natürlich wird der auf diese Weise eingesparte Strom keinen Knick in der Verbrauchskurve erzeugen, aber viele Menschen werden weiter für die Prinzipien der Energieeinsparung und -effizienz sensibilisiert und auf die Probleme unseres hohen Verbrauchs hingewiesen.

Nun sieht es aber so aus, als ob die Aktion ungewollte Konsequenzen nach sicht ziehen könnte: Wie die RWE heute verlauten ließ, bedroht die Aktion möglicherweise die Stabilität des gesamten europäischen Stromnetzes – wenn sich zu viele Menschen daran beteiligen. Da aber die Grundlastkraftwerke nicht eben schnell für fünf Minuten abgeschaltet werden können, könnte potenziell ein großes Überangebot an Elektrizität entstehen, welches innerhalb des geschlossenen Netzes nicht abgeführt werden kann. Fällt der Stromverbrauch zu drastisch ab, greifen automatische Sicherungssysteme um Schäden an der Energieinfrastruktur zu vermeiden – Kraftwerke werden dann per Schnellabschaltung vom Netz entkoppelt, Überlandleitungen abgeschaltet. Werden die Lichter um 20.05 Uhr wieder eingeschaltet, kann die Nachfrage nicht gedeckt werden – wer also das Licht ausschaltet muss damit rechnen, dass es nicht wieder angeht…

Solche Befürchtungen könnte man für unbegründete Panikmache halten, kämen sie nicht aus berufenem Munde. Prof. Hans-Jürgen Haubrich, Leiter des Instituts für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft der RHTW Aachen und Studiengangsleiter des Master-Studiengangs „Elektrische Energietechnik“ erklärte gegenüber der WELT, dass ab einer „Teilnehmerzahl“ von 10 Millionen Haushalten keine Garantie mehr dafür besteht, dass wir den Samstag ohne Blackout überstehen. Da in Österreich und in der Schweiz zum Weltklimatag ebenfalls die Licht aus-Aktion durchgeführt wird, und die Stromnetze der europäischen Staaten eng miteinander verflochten sind, scheint die Erreichung der 10-Millionen-Grenze nicht unmöglich: Bei einer ähnlichen Aktion in Frankreich beteiligten sich Anfang des Jahres ganze 7 Millionen Franzosen – behält man die Bevölkerungszahlen der beiden Länder im Blick, würden bei einer ähnlich hohen Quote allein in Deutschland die 10 Millionen leicht übertroffen werden.

Angesichts dessen fällt es schwer, eine im Grunde hervorragende Aktion wie „Licht aus“ noch uneingeschränkt zu unterstützen, da derartige Konsequenzen selbst bei einer geringeren Eintrittswahrscheinlichkeit den Wert und die Notwendigkeit einer solchen Kampagne prinzipiell in Frage stellen. Wer am Samstag etwas für das Klima tun und ein Zeichen gegen Energieverschwendung setzen möchte, könnte sich alternativ ja auch nach Neurath oder Berlin begeben und an den Demos der Klima-Allianz teilnehmen – oder sich einfach fest vornehmen, das Auto die nächsten Monate mal öfter stehen zu lassen und statt dessen mit Bus und Bahn zu fahren… Ich jedenfalls werde am Samstag das Licht vermutlich lieber anlassen – und hoffen, dass es auch nach 20.05 Uhr noch leuchtet…

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Responses

  1. […] immer skeptisch. Nicht erst seit den Bedenken wegen eines großflächigen Stromausfalls, den Christian Reinboth in seinem Blog bereits ausführlich erläutert hat, bin ich der Überzeugung, dass die Nachhaltigkeit einer […]


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