Verfasst von: Christian Reinboth | Dezember 10, 2007

Persönliches Fazit zum “Licht aus”-Tag

Nun haben wir ihn doch ohne Blackout überstanden – den ersten deutschen “Licht aus”-Tag, eine Aktion, die unter anderem von den Grünen, dem BUND, der BILD-Zeitung, Pro7 und Greenpeace massiv unterstützt wurde. Nichtsdestotrotz habe ich noch am Donnerstag in diesem Blog die Kampagne kritisiert, ebenso wie beispielsweise Andy vom EnergyNet-Blog, der Energie-Blog oder die Veranstalter der Gegenkampagne mit dem schönen Namen “Licht an” – und dies nicht nur wegen der potenziellen Blackout-Gefahr…

Nun ist das Licht an vielen Stellem im Land für 5 Minuten erloschen, ohne dass die Netzinfrastruktur in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. Ist es daher nicht an der Zeit für die Kritiker, die eine oder andere Kröte zu schlucken? Ich denke nein, denn meiner Ansicht nach ist die Kritik an der Aktion nach wie vor valide, wie ich nachfolgend kurz ausführen möchte.

Von dem im Vorfeld von namenhaften Wissenschaftlern befürchteten Blackout – über den unter anderem in der WELT und im SPIEGEL berichtet wurde – sind wir vermutlich hauptsächlich dank der insgesamt doch recht geringen Teilnehmerzahl verschont geblieben – und nicht etwa, weil die Befürchtungen prinzipiell grundlagenlos gewesen wären. Die 5 Minuten zwischen 20.00 Uhr und 20.05 Uhr am letzten Freitag habe ich auf meinem Balkon mit Blick über die Wernigeröder Altstadt verbracht: Abgesehen von der Außenbeleuchtung der St. Sylvestri-Kirche konnte ich keinerlei Abschaltungen erkennen – nicht in den Privathaushalten und auch nicht am wie immer majestätisch beleuchteten Wernigeröder Schloss. Den Medienberichten aus anderen Städten war zu entnehmen, dass sich dort ähnliche Szenen abgespielt haben müssen – das öffentliche Interesse hielt sich also trotz des medialen Hypes im Vorfeld erstaunlicherweise scheinbar doch in Grenzen.

Ein Blackout konnte unter diesen Umständen selbstverständlich nicht eintreten, bei einer entsprechend höheren Teilnehmerzahl hätte er aber durchaus eintreten können – und dies bringt mich zum ersten Kritikpunkt meines heutigen Fazits: Seit Jahren beschweren wir Klimaschützer und Verfechter der Energiewende uns über die scheinbare Unfähigkeit von Politik, Industrie und Öffentlichkeit, auf klare Warnungen führender Wissenschaftler zu reagieren und über das eigene Verhalten zu reflektieren. Nun warnen international bekannte Wissenschaftler wie Prof. Haubrich vor den möglichen Folgen der “Licht aus”-Klimaschutz-Aktion – und während die Initiatoren diese Warnungen im Vorfeld einfach vollständig ignoriert haben, habe ich in vielen Gesprächen mit Bekannten und Kollegen feststellen müssen, dass diese die Vorbehalte der Wissenschaftler ebenso schnell und resolut als “Unfug” vom Tisch gewischt haben, wie es unglücklicherweise häufig mit den Argumenten der Umweltschützer geschieht.

Persönlich hat mich dies sehr irritiert – wenn die Warnungen vor Ölverknappung, Klimawandel oder den Gefahren der Atomkraft wieder einmal ignoriert werden, dann beklagen wir uns zu Recht über die Einstellung unserer Politiker, Manager oder Mitmenschen. Wenn aber anerkannte Wissenschaftler aus diversen deutschen Hochschulen sowie die Energieexperten der großen Versorger im Vorfeld einer Klimaschutz-Aktion durchaus vernünftige Vorbehalte vorbringen, lassen sich viel zu viele Umweltschützer und Energieaktivisten dazu hinreißen, ganz genau so zu handeln und mögliche Gefahren ihres eigenen Handels entweder vollständig zu ignorieren oder als “Unsinn” abzutun. Diese Einstellung hat mich verblüfft, obwohl ich mich vermutlich nicht darüber hätte wundern müssen – denn wie viele Menschen hören schon gerne Kritik an eigenen “Steckenpferden”?

Die Hauptkritik am “Licht aus”-Experiment besteht jedoch nicht in der Gefahr eines Blackouts, die zugegebenermaßen von Beginn an gering war, die jedoch dennoch nicht einfach hätte ignoriert werden dürfen. Die Hauptkritik besteht vielmehr in der mangelnden Nachhaltigkeit der Aktion.

Viele Pastoren können ein Lied davon singen: Kirchen, die das ganze Jahr über mehr oder weniger leerstehen, füllen sich an Weihnachten, zu Taufen oder Hochzeiten plötzlich auf wundersame Weise, leeren sich aber ebenso schnell wieder, wenn die “Events” vorüber sind. Wenn die Energiewende erreicht werden soll, wenn für Umwelt- und Klimaschutz etwas geleistet werden soll, dann sind nachhaltige Programme vonnöten, mit denen Menschen aufgeklärt und an die Probleme mit unserer Energieversorgung herangeführt werden können – und die nicht nur Eventcharakter besitzen, sondern auch Einschränkungen und Umstellungen abverlangen. All der mediale Hype, der in “Licht aus” geflossen ist, all die Werbe- und Promotion-Kosten – wäre es nicht vernünftiger gewesen, statt einer medienwirksamen 5-Minuten-Aktion eine Kampagne zur weiteren Verbreitung von Energiesparlampen, zur Energieeinsparung in den eigenen vier Wänden oder zur stärkeren Nutzung von Bus und Bahn zu starten?

Natürlich: Im Angesicht der Bali-Verhandlungen konnte ein positives Signal gesetzt werden – Deutschland steht hinter dem Klimaschutz und hinter der Energiewende. Auch wurden sicher viele Menschen durch die Aktion erneut auf die Energie- und Klimaproblematik aufmerksam gemacht – ebenso ein hervorragendes wie wünschenswertes Ergebnis. Dennoch darf die Frage nach der Nachhaltigkeit meines Erachtens nach gestellt werden – denn wie viele Menschen werden sich durch diese Aktion nun dazu aufgefordert fühlen, persönliche Umstellungen vorzunehmen oder politischen Druck auszuüben, um die Herbeiführung einer Energiereform zu beschleunigen?

Aus diesem Grund kann ich eine nachhaltig angelegte Aktion wie “Licht an” nur vorbehaltlos unterstützen – ebenso wie die von der Klima-Allianz zum Klimaschutz-Tag organisierten Demonstrationen in Neurath und Berlin. Sicher – die Energiewende benötigt auch medienwirksame Promotion – viel wichtiger sind jedoch nachhaltige und aufklärerische Kampagnen sowie die Aktivierung des individuellen Engagements des einzelnen Bürgers. Und – dies scheint mir angesichts der Planung und Umsetzung des “Licht aus”-Tages die wichtigste Erkenntnis zu sein – bei alledem sollte die eigene Fähigkeit, mit Kritik und Warnungen offen und objektiv umzugehen, nicht abhanden kommen.

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