Verfasst von: Christian Reinboth | Dezember 10, 2007

Warum die Atomkraft keine Lösung ist

Die meisten Leser werden die Vielzahl der Medienberichte sicher schon registriert haben, in denen von einer kürzlich vorgestellten neue Studie zu Leukämieerkrankungen bei Kindern im Umkreis von Atomkraftwerken die Rede war. Das wenig überraschende aber dennoch betroffen machende Ergebnis: In einem Umfeld von 5km rund um die untersuchten Meiler lässt sich eine statistisch eindeutig signifikante Erhöhung der Leukämierate unter Kindern nachweisen – je näher Familien an einem Reaktor leben, umso größer ist also das Krebsrisiko für Kleinkinder. Überraschend ist dagegen, dass die Forscher für diesen statistischen Zusammenhang kein Erklärungsmodell aufstellen konnten – dies bedeutet, dass der Anstieg an Erkrankungen zwar auf die Nähe zu den Kraftwerken zurückgeführt werden kann, dass aber nicht nachvollziehbar ist, wieso es zu diesen Erkrankungen kommt. In gewisser Weise ist dieses Ergebnis besonders erscheckend, da es unterstreicht, dass die Gefahren der Atomkraft eben nicht vollständig kontrolliert werden können – denn wenn sie sich nicht einmal vollständig erklären lassen…

Aus der Sicht der Verfechter von regenerativen Energietechniken steht jedoch unabhängig von solchen negativen Schlagzeilen schon lange fest, dass die Atomkraft weder ansichtlich der Verknappung der fossilen Rohstoffe noch der Klimaproblematik eine lebensfähige Alternative darstellt. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, von denen ich nachfolgend einige kurz anreißen möchte.

1) Mit Atomenergie ist eine Unabhängigkeit des Energiesektors nicht zu erreichen: Natürlich stellt es für Deutschland ein Problem dar, dass wir in der Energieversorgung zu großen Teilen auf Öl- und Gaslieferungen aus dem Ausland angewiesen sind – häufig aus politisch instabilen Regionen. Eine Unabhängigkeit ist jedoch über die Atomkraft nicht zu erreichen, denn in Deutschland wird zur Zeit kein Uran abgebaut – und die weltweit verfügbaren Reserven werden in etwa 40 Jahren vollständig aufgebraucht sein. Der schnelle Brüter, mit dem sich die Uranreserven vervielfältigen lassen, stellt ebenfalls keine Lösung dar, da diese Reaktorform im Betrieb extrem giftiges Plutonium erzeugt und dadurch ein enormes Sicherheits- und Umweltrisiko darstellt.

2) Die Atomenergie schafft längst nicht so viele Arbeitsplätze wie der regenerative Energiesektor: Durch den Atomausstieg werden zwar etwa 38.000 Arbeitsplätze wegfallen – allerdings sehr langfristig, da die Meiler ja teilweise über Jahrzehnte zurückgebaut werden müssen. Gleichzeitig entstehen im regenerativen Energiebereich immer mehr neue Arbeitsplätze – rund 200.000 Menschen arbeiten schon jetzt in der Branche – mehr als 5 x so viele wie in der Atomkraft – und der Bundesverband Erneuerbare Energien rechnet allein für die nächsten Jahre mit einem Zuwachs von mehr als 100.000 weiteren Arbeitsplätzen. Es ist schade, dass Arbeitsplätze in diesem Land so häufig als politisches Druckmittel eingesetzt werden – zuletzt gesehen bei PIN – im Falle der Atomkraft ist dies aber unberechtigt, da jeder wegfallende Arbeitsplatz in der Atombranche durch 5 bis 6 neue Arbeitsplätze in der regenerativen Energiebranche mehr als ausgeglichen wird.

3) Atomkraftwerke mögen zwar CO2-neutral sein, aber die Urangewinnung ist es nicht: Die CO2-Neutralität, die von den Atomverbänden in letzter Zeit angesichts der anhaltenden Klimadiskussion wieder häufiger ins Gespräch gebracht wurde, ist illusorisch. Der Betrieb eines Meilers an sich erzeugt zwar kaum CO2, die Förderung sowie der Transport des Urans, der Bau und Unterhalt der Anlagen sowie die Entsorgung der Abfallstoffe verschlingt so viel Energie, dass insgesamt keinesfalls mehr eine CO2-Neutralität gegeben ist.

4) Atomkraftwerke sind und bleiben gefährlich: Wie die in den letzten Monaten durch die Medien gegangenen Zwischenfälle in Krümmel und Forsmark sowie die absolut ungenügende Informationspolitik des Betreibers Vattenfall verdeutlicht haben, geht von jedem Atommeiler eine nicht zu unterschätzende Gefährdung aus – ein Solarkraftwerk, ein Windpark oder ein Geothermiekraftwerk sind dagegen vollkommen ungefährlich. Die Eingangs zitierte aktuelle Studie zum Thema Leukämieerkrankungen zeigt zudem, dass die Meiler nicht nur dann gefährlich sind, wenn ein Störfall auftritt, sondern dass von jedem Kraftwerk eine permanente Gesundheitsgefährdung ausgeht – eine Gefährdung, deren genaue Wirkmechanismen selbst Experten nicht erklären können.

Die Studie sollte uns daher alle erneut aufrütteln und viele Menschen auf die Atomproblematik aufmerksam machen. Gerade wenn es um die gesundheitliche Zukunft von Kindern geht, ist unser aller Interesse und Einsatz gefordert.

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Responses

  1. Ich verstehe immer nicht so anz, wieviele Studien es noch braucht. Deser Sachverhalt ist doch schon oft genug an Hand von Studien nachgewiesen worden … merkwürdig. Und es sollte genügend Grund sein, mal das alternative ein bisschen zu fördern, auch wenn man sicherlich vorerst noch die eine oder andere Umweltunabhängige Quelle für Energie benötigt, bis Alternativen alle soweit ausgereift und bei uns einsetzbar sind, so dass wir eine adäquaten Ersatz haben. Aber dennoch kann man mit den bestehenden Möglichkeiten ruhig schon mal 1 AKW ersetzen – Kleinvieh macht auch Mist.
    Das Problem lönnte nur sein, dass die AKWs bereits abgeschrieben sind, ihre Kosten für Forschung und Bau schon lange eingespeitl haben und somit für die Konzerne bis auf die Wartung nur Reingewinn einspielen 😉

    Gruß,
    Jens

  2. Das ist doch schon seit mindestens 15 Jahren ein Thema. Neu ist nur, dass eine Studie einen Zusammenhang zwischen den Leukämie-Fällen und den AKW in der Nähe herstellt. Früher war das nur reiner Zufall.

    Ein wichtiges Argument gegen die Atomkraft ist der Kostenfaktor. Denn die Kosten für die Entsorgung und den Rückbau sind nicht absehbar und können daher bisher nicht einkalkuliert sein.

    Andere Anlagen zur Energiegewinnung müssen versichert werden, wer will aber ein Atomkraftwerk versichern?

    Jedem Pro-Argument kann ich sicher zwei Gegenargumente entgegensetzen. Die zeit der Atomkraft ist einfach vorbei.

  3. Die Studienhuberei nervt mich ehrlich gesagt ein bisschen. Es ist buchstäblich seit Jahrzehnten klar, dass man mit derartigen Studien nichts beweisen und nichts widerlegen kann. Zu geringe Fallzahlen, zu schlechte Reproduzierbarkeit, zu viele Störfaktoren.

    Ganz abgesehen davon geht es um eine politische Entscheidung, nicht um ein wissenschaftliches Ergebnis.

    Man muss da einfach mal weg vom Glauben an die mythische Studie, die uns eines schönen Tages die alleinseligmachende Zahl ausspuckt und uns das Denken und Entscheiden abnimmt.


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